Manchmal gibt es Dinge, welche sich nicht beschreiben lassen und es bleibt nur eine leere unerfüllte Sehnsucht zurück. Sehnsucht nach was? Du weißt es nicht. Blickst nur immer wieder zurück und fragst dich, ob du das warst -ob du das Mädchen warst, die ihr Spiegelbild nicht mehr erkannte und sich am liebsten das Leben genommen hätte – mit dem ganzen Druck im Herz und Tränen auf der Haut. Dieses Zusammenbrechen und aufgeben, hinstellen, weiterlaufen und wieder fallen. All das hast du vergessen. Verdrängt. Du weißt es nicht. Du bist das nicht. Übst keine Vergeltung und keine Rache. Alles was du jemals wolltest führst du nicht aus. Und niemand der dir im Wege stünde. Verweigerst deine Aussage, verweigerst die Sprache. Bist gut und warm, doch eigentlich kalt und sterblich.
Dein Leben ist unterteilt in Vorher und Nachher. Jetzt ist Nachher und die Sonne geht auf. Du hast vergessen was jenseits der Sonne ist. Hast die Peinigungen vergessen, die Schläge auf den Geist, die Krallen unter deiner Haut und deine hemmungslose Hingabe an die Macht der salzigen Flüssigkeit. Hast vergessen wie all das war, vergessen wie du zusammen zucktest – jedes Mal bei Schritten vorbei an deiner Tür. Diese Angst vor Unfrieden, die Angst vor dem Schuldig sein und nicht wissen warum. Die Angst abzurutschen und sich nicht mehr zu fangen, der Ritt ins Bodenlose, in die Verzweiflung. Und niemand der dich hörte. Und all das nahmst du hin. Atmetest einfach weiter, lebtest und fragtest dich: wie?
Doch da war keine Antwort, kein Aufmerken, kein Blick. Alles war gerecht. Es war gerecht, dass er dich schlug, es war gerecht, dass er dich peinigte und jedes weitere Wort war der sichere Weg in die Sackgasse. Solange bi s es nur noch ein Ja gab und du es glaubtest. Du alles hinnahmst und du merktest wie alles zu deiner eigenen Überzeugung wurde. Doch du konntest nichts dagegen tun und dieses Wissen fraß dich auf. Du wusstest dass du es genauso glauben musstest wie dein Gegenüber. Wolltest das nicht mehr, wolltest schweigen – durftest nicht. Den Willen gebrochen, Brainwashed in den eigenen vier Wänden. Und manchmal glaubst du es noch heute. Und wenn es doch wahr ist? Nichts was wirr wäre. Nein, alles voller Logik und Verdrehung der Tatsachen. Bevor du es merktest, glaubtest du schon. Musstest glauben und beteuern. Stundenlang, bis jede Faser deines Körper damit einverstanden war. Versuchtest zu fliehen und wurdest erneut gefangen. Siehst alles noch vor dir und doch bist du das nicht. Glaubst du könntest so etwas sein was man fast glücklich nennt. Nagst an all dem und manchmal überkommt dich die Angst und dieses unüberwindbare Gefühl der Zerstörung die jahrelang in dir wütete. Hast angst keine Luft mehr zu bekommen und doch sehnst du dich nach dieser Hingabe an deine Gefühle. Bist auf Abstand, weniger du selbst. Denn du weißt dass du das nicht bist.
Gehst auf die Straße und blickst die Leute an. Diese welche nichts wissen. Welche nicht einmal den Gedanken daran verschwenden würden was für grausame Dinge einem Menschen angetan werden können. Diese, welche noch frech werden, weil sie viel älter sind. Diese, welche die Kinnlade herunterfallen würden, wenn sie wüssten. Und du denkst dir warum sie nicht mit dir tauschen. Warum du du selbst bist. Warum alle blauäugig durch die Welt laufen und denken alles andere gibt es nur im Fernsehen. Wahrscheinlich weil keiner die Realität sehen möchte. Du auch nicht, aber du musstest. Deine Augen wurden von früh an gewaltsam geöffnet und immer wiederkehrenden Bildern ausgesetzt. Bist so tief gefallen, dass du dir dachtest es könne nur noch besser werden. Stattdessen hob man ein neues Loch unter dir aus, holte dich kurz nach oben, um dich noch tiefer fallen zu lassen, während du alle Stationen noch einmal ertragen musstest. Für alles gab es eine Regel – vor allem für die Dinge, welche nicht in das Wohlfühlraster des Gegenübers passten. Was heute nicht aktuell war, konnte morgen zum Störfaktor werden. Und du wusstest es. Lebtest in der Angst etwas oder alles falsch zu machen. Fingst an keinen Grund mehr geben zu wollen, wolltest alles – nur nicht mehr schuld sein. Die Zeiten der Auflehnung waren schon lange vorbei. Wer den Mund aufmachte musste schlucken und aufgeben und wieder beteuern. Du hast das gelernt, du weißt es. Erspartest dir viele Schläge, jedoch weniger die Tritte auf das Gemüt. Wusstest ab wann es kritisch wurde, wusstest wann nichts mehr zu retten war. Kanntest die Abfolge schon lange. Adrenalin, die sich zusammenziehende Kopfhaut, dann schwarz und wieder bunt und schwarz. Und dann nur noch Kälte und Unbeweglichkeit. Trautest dich nicht einmal mehr dir die Nase zu putzen oder sonstwie auf dich aufmerksam zu machen, aus Angst noch mehr Aufmerksamkeit zu erregen. Versuchtest von Anfang an diese Angst zu besiegen, deine Gedanken umzulenken, nicht darauf einzugehen, die kalte Schulter zu zeigen, während dich innerlich schon alles schüttelte. Du wolltest das Tier nicht wecken, aber meistens hatte es deine Angst schon gewittert und strich starr und kalt um deine Beine. Und wieder gabst du dich hin, schautest nicht mehr auf die Uhr, ließt alles an dir abprallen - sauren Regen, der sich durch dich durch fraß. Und hofftest nur auf ein Ende. Ertrugst und ertrugst und sagtest dir das bist nicht du. Standest völlig neben dir, hattest dieses unwirkliche Gefühl als wärst du bloß eine kurzzeitig von dir bewohnte Hülle. Eine Tüte mit zwei Löchern durch welche du in die Welt schautest, dein Körper kurzweilig verlegt. Spieltest nur Mäuschen, denn eigentlich warst du nicht hier. Fühltest keinen Schmerz, nur deine pochenden Tränen. Kalt und ausgesaugt wurdest du entlassen, hattest angst Ruhe zu finden und dich deinem Schmerz hinzugeben, denn meistens ließ man dich nicht lange alleine, wenn man doch noch etwas drauf setzen konnte. Also hörtest du schlagartig auf zu weinen. Saßt auf dem Boden, egal wo und horchtest nach den Schritten vor deiner Tür. Ob sie vielleicht dir galten. Wolltest nicht gesehen werden, warst schon gedemütigt und das letzte bisschen Stolz sollte dir gehören. Keiner sollte sehen wie du den Schmerz in die Nacht schicktest. Machtest deinen Schrank auf, irgendetwas – nur um nicht untätig vorgefunden zu werden. Um keinen neuen Grund zu geben. Durftest nicht abschließen, es gab Zeiten in denen du die Tür den ganzen Tag offen lassen musstest. Wolltest nur alleine sein, wolltest aufatmen, wolltest weinen und nicht auch noch dabei beobachtet werden.
Doch oft ließt du dich einfach nur auf den Boden rutschen, um dort mit dem Verstand zu ringen, weil du keinen Ausweg mehr sahst und es jeden Abend immer wieder das Gleiche war und du das nicht mehr fühlen wolltest. Du zähltest die Jahre und nie hörte es auf. Wolltest irgendwann nur noch den Tag herum bekommen, um schlafen zu dürfen. Denn am Tag war dies auch nicht gestattet. Wolltest deinen Kopf ausschalten. Gingst in die Schule, um dort den Rest zu bekommen. Wunderst dich rückblickend über die Kälte mit denen du der Sache begegnet bist, was du hast mit dir machen lassen, was du jeden Tag ertragen musstest. Dass du sogar nicht mehr wusstest wo du lieber sein wolltest, ob Ferien das Richtige wären oder sich lieber den ganzen Tag von Leuten die es nicht besser wissen demütigen und vorführen zu lassen, weil du das schwache Tier der Herde warst, weil es Spaß machte alles an dir zum Lachen zu verwenden. Dabei wolltest du nur versuchen zu atmen und alles hinter dich zu bringen. Du wolltest keine Freunde mehr, du warst dir selbst genug. Alles was du hattest, hatte sich in Wohlgefallen aufgelöst. Du warst selbst bei den Unbeliebten unbeliebt. Jeden Tag kamst du dem Abgrund einen Schritt näher und keiner scheute sich direkt vor dir über dich herzuziehen. Selbst auf offener Straße, von Leuten die du nicht einmal kanntest. Selbst die Menschen die gar nichts waren, die selber kämpfen mussten: der Junge mit den kurzen Armen, der solche Komplexe hatte, dass man nicht geglaubt hätte, dass er so etwas wie Akzeptanz verspürte als er dich beleidigte, um sich besser zu fühlen. Egal wo du auch hinliefst, fast an jeder Ecke zeigte man mit dem Finger auf dich. Die Lehrer gab es nicht. Auf jeden Fall nicht im Dienst.

Die Pausen waren für dich Zeitverschwendung und jede von ihnen war ein kleiner Kampf ums Überleben, denn es stellte sich immer die Frage wo ich diesmal abbleiben würde. Ich wollte nicht, dass auch die Leute die noch nicht über mich lästerten oder mich noch nicht wahrnahmen, deswegen Notiz von mir nahmen. Weswegen ich mich zu den Unbeliebten setzte, welche mich aber ebenfalls mit Nichtbeachtung straften. Oft kam es vor, dass alle unvermittelt aufstanden, sei es aus Gemeinheit oder weil sie zu ihrem Raum gingen und dann kämpfte ich den Rest der Pause wieder damit nicht gesehen zu werden, stellte mich hinter Säulen, versuchte es sogar manchmal so aussehen zu lassen, als stünde ich bei irgendwem, bis diese wieder weggingen. Betrachtete dabei die ganzen aufmerksamkeitsgeilen Mädchen, welche mindestens zu fünft durch die Pause schlenderten und ich sah jedes Mal ihre Anführerin und zwei oder das eine Mädchen, welche eigentlich eher im Schatten standen. Aber selbst ihre Rolle hätte ich gerne eingenommen. Nur um nicht dazustehen wie die Letzte. Das waren die schlimmsten Jahre. Im Unterricht ergab sich auch öfter das Problem, dass ich ganz alleine saß, bei einem Raumwechsel zum Beispiel. Ich wollte nicht, dass der Lehrer darauf aufmerksam wurde, denn dann wurde es auch die Klasse – sie war es zwar schon aber das Thema war noch nicht aufgebauscht worden und dabei wollte ich es belassen. Wenn es aber dann doch passierte, versicherte ich dem Lehrer ich wolle da sitzen. Oder ich saß irgendwo und mir wurde ins Gesicht gesagt ich solle abziehen oder warum ich dort sitzen würde. Was macht man da? Ich bin fast gestorben aber einfach sitzen geblieben. Habe mich gefragt wie viel ich noch falsch machte. Suchte nach dem Grund dafür. Durchforschte mich, versuchte alles an mir zu ändern, versuchte nicht mehr so zu sein, wie alle sagten dass ich wäre, wollte auch ihnen keinen Grund mehr geben über mich zu lästern. Ich fühlte mich hässlich, ich fing an mich zu hassen und bei Stress zu bestrafen. Hatte noch nie Lust am Essen gehabt, mein ganzes Leben lang war das ja das Thema Nummer eins. Entweder wurde beim Essen erörtert wie scheiße ich war oder es wurde über das gestritten was ich essen sollte und darüber was ich nicht aß.
Ich begann mich mit anderen zu vergleichen und zwar bis ins Detail – denn ich musste ja wissen was mich so anders machte, wie ich sein musste, um zumindest respektiert zu werden. Was diese Leute die so etwas über mich sagten besonderes haben mussten. Manchmal kam ich darauf, aber oft sah ich, dass vieles nicht gerade überragend war. Ich merkte nur, dass sie jede Menge Selbstbewusstsein hatten und allesamt eiskalte Egoisten waren. Und oberflächlich. Und ich aber so nicht sein wollte. Und mich in dieser Zwickmühle befand ich selbst zu bleiben oder mich genau so zu verstellen. Ich blieb bei mir, auch wenn ich gar nicht ich war. Ich hätte mir am liebsten eine Tüte über den Kopf gezogen.
Ich merkte auch, dass viele überhaupt nicht so hübsch waren und trotzdem ankamen, oder hübsch waren, aber keine gute Figur hatten, die ich aber mittlerweile hatte und trotzdem brachte mir das nichts. Und die hübschen Hübschen hatten automatisch das große Los gezogen, das merkte ich auch. Allesamt überlebten sie nur, weil sie akzeptiert wurden, sie überlebten, weil sie nicht alleine waren und hatten auch kein Problem damit ihre „Freunde“ wie Unterhosen zu wechseln. Keiner beschwerte sich. Es herrschten ganz eigene unsichtbare Regeln, entweder man befolgte sie oder man ging unter und wurde überrannt. Ich hatte keine Kraft mehr auch noch oberflächliche Spiele zu spielen. An mir ging alles wie ein kalter Wind vorbei. Ich fehlte niemals, ich hielt alles durch und aus. Und selbst als ich mich übergab ging ich wieder zur Schule – bis ich irgendwann morgens nur noch würgte und zitterte und mich im Bus fast wieder übergeben hätte und nicht zur Schule konnte. Später versuchte ich einfach damit zu leben als ich merkte, dass ich nicht krank war. Ich fing an den Würgereiz zu überlisten und ihn mit anderen Geschmäckern zu übertönen. Jeder morgen war ein Kampf von dem niemand wusste. Ich wusste nur, dass niemand mich bei sich in der Nähe haben wollte. Ich spürte es, weil es immer in der Luft lag und ich schämte mich, wenn ich manchmal würgend zur Schule stolperte oder mir den Schal bis zur Nase zog, weil ich meine Kaugummis vergessen hatte. Es ist mir ein Rätsel warum ich nicht einfach geschwänzt hatte. Natürlich wurde ich mit der Zeit auch immer labiler und hielt jede Kleinigkeit immer weniger gut aus, weswegen ich das jetzt wahrscheinlich kein zweites Mal so mitmachen könnte wie es passiert ist. Ich wusste nur, dass alles irgendwie gerecht sein musste. Zu Hause wurde mir eingetrichtert Schuld zu tragen und das ganze wurde auch auf alles andere übertragen. Für alles wurde eine Erklärung gefunden, die wie immer bei mir lag. Mir wurde vorgehalten ich sei in der Schule das fünfte Rad am Wagen, das würde man sehen. Solche Dinge wurden immer als universelles Beispiel bei Bedarf herangezogen – auch das wurde mir glauben gemacht. Und ich glaubte es wirklich. Sichere wirkliche Gewissheit, dass alles wirklich alles krank und verlogen war hatte ich erst mit 17, weil auf einmal alles aufklarte und Leuten die Augen geöffnet wurden, die vorher in ihrer selbsterschaffenen Unwissenheit lebten und ebenfalls immer am draufhauen waren, vielleicht nicht unbedingt mit Absicht. Es war immer ein Ding der Unmöglichkeit für mich zwischen Recht und Unrecht richtig zu unterscheiden und Dinge die mir später als unrecht erschienen, ließen mich im Zweifel, ob das stimmte oder ich wieder diejenige war die nicht ganz richtig im Kopf war, denn mein Umfeld sagte und bestätigte mir dies immer wieder. Denn ich war alleine gegen viele.

Danke fürs Lesen. Ich hoffe ich hab einigen die Augen geöffnet und auch klar gemacht, dass diese Welt ein unfaires Spiel bedeutet. Das alles ist bloß ein Bruchteil - ich hoffe aber, dass die Fantasie noch für viel mehr ausreicht.